Der Täter war ein enger Vertrauter und spiritueller Berater meiner alleinerziehenden Mutter, die sich damals stark der Esoterik zuwandte. Er kannte mich seit meinem 11. Lebensjahr. Dadurch hatte er Einblick in sämtliche private Details unseres Familienlebens.

Ich war eine sehr einsame, verschlossene Teenagerin, die unter Panikattacken litt und selbstverletzendes Verhalten zeigte. Da ich ohne Vaterfigur aufgewachsen war und mich auch nicht gut mit meiner Mutter verstand, fühlte ich mich isoliert und ungeliebt. Vonseiten des Täters hingegen bekam ich zunehmend positive Aufmerksamkeit und Komplimente. Ich begann schnell für ihn zu schwärmen. Er bemerkte und nutzte es, um allmählich Körperkontakt zu mir aufzubauen. Später holte er mich ohne das Wissen meiner Mutter mit dem Auto ab und fuhr mit mir zu entlegenen Waldstücken oder in eine fremde Wohnung, um ungestört zu sein. Zunächst war die Beziehung geheim, später, mit meinem 14. Geburtstag, offen. Er sah mich als „Kristallkind“ – so werden in der esoterischen Szene Menschen bezeichnet, die aus vergangenen Leben bereits von Geburt an viel Lebenserfahrung und intuitive Weisheit besitzen sollen. Deshalb fand der Täter es legitim, mich wie eine Erwachsene zu behandeln. Meine Familie reagierte geschockt auf unsere „Beziehung“ und meldete uns sogar dem Jugendamt. Doch der Täter nutzte diesen Umstand, um mein Verhältnis zu Familienmitgliedern zu sabotieren, mit Aussagen wie: "Die wollen nicht, dass du glücklich wirst." Das Narrativ war: Wir zwei gegen den Rest der Welt.

Wir lebten wie ein gut eingespieltes Ehepaar. Nur, dass ich statt zur Arbeit eben zur Schule ging.

Unsere Beziehung war ungewöhnlich. Wenn wir Hand in Hand durch die Stadt gingen, ernteten wir oft irritierte Blicke. In esoterischen Kreisen hingegen wurde unsere Verbindung als etwas Besonderes, Kraftvolles angesehen: Ein Heiler und ein Kristallkind. Selbst meine Familie gab den Widerstand irgendwann auf, weil sich positive Veränderungen in meinem Verhalten zeigten. Meine Schulnoten wurden besser, die Selbstverletzungen hörten auf. Nachdem seine Ex-Freundin ihn vor die Tür setzte, zog der Täter ohne Umschweife zu meiner Mutter und mir. Wir lebten zusammen und organisierten unseren Alltag gemeinsam wie ein gut eingespieltes Ehepaar. Nur, dass ich statt zur Arbeit eben zur Schule ging.

Sex war von Anfang an ein belastetes Thema. Seine Libido war hoch und er verlangte fast jeden Tag Befriedigung. Für mich war es meistens mit körperlichen Schmerzen verbunden und es spielte auch keine Rolle für ihn, ob es mir gefiel. Selbst wenn ich währenddessen weinte, ignorierte er es. Selbstbefriedigung lehnte er kategorisch ab. Er sagte, nur durch die Einheit mit einer jungen Frau könne er körperliche und spirituelle Erfüllung erfahren. Ich gewöhnte mich daran, es über mich ergehen zu lassen, dabei zu dissoziieren. Dann entdeckte ich, dass es schneller vorüberging, wenn ich die Initiative ergriff. Ich lernte: Wenn ich Nähe und Zuwendung wollte, musste ich ihn zuerst zum Kommen bringen, um es mir zu verdienen. Von da an entwickelte ich hypersexualisiertes Verhalten, das sich seither durch meine intimen Beziehungen zieht. Ich spüre den Impuls, meinen Partner zu stimulieren, wenn ich mir eigentlich nur eine Umarmung oder ein gutes Gespräch wünsche. Es ist mir unangenehm, mich dabei berühren zu lassen. Ich falle ganz in die Rolle der devoten, eilfertigen Dienstleisterin. Ich arbeite immer noch daran, mir dieses erlernte Verhalten wieder abzugewöhnen.

Nach beinahe neun Jahren beendete ich die Beziehung zum Täter. Erst viele Jahre später realisierte ich, dass es Missbrauch war, was mir widerfahren war. Ich zeigte den Täter an und er wurde zu einer Bewährungsstrafe verurteilt. Mit den Folgen der Gewalterfahrungen lebe ich bis heute. Es ist mir mehrfach passiert, dass ich nach dem ersten Mal mit einem neuen Partner direkt gefragt wurde, ob mir mal etwas Schlimmes passiert sei. Wahrscheinlich, weil ich noch immer Schwierigkeiten habe, Berührungen zuzulassen. Der Gedanke, dass man es mir anmerken könnte, macht mich unheimlich traurig. Als würde ich mit einem Brandzeichen herumlaufen. Ich unterstelle auch den freundlichsten Menschen grundsätzlich eigennützige Absichten - und versuche gleichzeitig, mich rational darin zu bremsen. Ich glaube aus vollem Herzen an das Gute im Menschen und bin grundsätzlich Optimistin. Aber es gibt da eine innere Stimme, die mich immer daran erinnert, dass ich mich massiv im Wesen eines Menschen täuschen kann, egal wie lange ich ihn kenne und egal wie sehr ich ihn liebe. Darum wahre ich stets einen gewissen emotionalen Sicherheitsabstand. Zu allen.