Ich war knapp 13 und wir waren im Urlaub im Ausland. Da wir drei Geschwister sind, läuft das immer auf ein Doppelbett und ein Einzelbett hinaus. Ich musste mir das Bett mit meinem elfjährigen Bruder teilen.

Wir hatten ein enges Vertrauensverhältnis, wir machten immer viel Blödsinn zusammen. Es war immer wir gegen unsere Eltern, wir gegen alle. Und dann hat er mich nachts angefasst. Ich schlief und wachte davon auf, stellte mich aber schlafend, um ihn nicht zu beschämen. Ich versuchte, mich wegzudrehen, zu seufzen, damit er checkt, dass er meinen Schlaf stört. Aber irgendwie hat er nicht aufgehört. Mir fiel nichts ein, was ich dagegen tun konnte. Also überstand ich es und ärgerte mich hinterher, dass er so einfach wieder einschlief, während ich mich stundenlang weiter herumwälzte.

Am nächsten Morgen schauten wir uns die Stadt an. Mein Kopf tat sehr weh. Ich flehte meine Eltern an, das Einzelbett mit meinem anderen Bruder zu tauschen, aber sie ließen mich nicht, weil das nicht gerecht sei. Ich habe erklärt, dass ich nicht schlafen könne, aber das war ihnen egal. Sie haben nicht gefragt, warum. Gegen die Kopfschmerzen hat mir meine Mutter eine Sonnenbrille gegeben.

Weil er jünger war, finde ich es schwierig, ihn als Täter und mich als Opfer anzusehen.

Ich hoffte in der zweiten Nacht, dass es nicht noch einmal passieren würde, aber dem war nicht so. Ich habe die starke Gewissheit in mir, dass es noch oft passiert ist, jahrelang, immer im Urlaub. Erinnerungen dazu gibt es nicht. Weil er jünger war, finde ich es schwierig, ihn als Täter und mich als Opfer anzusehen. Er ist mein Bruder und ich habe ihn sehr lieb. Ich finde es schwer, meine Geschichte neu zu ordnen. Mein Leben lang habe ich gedacht, dass ich total privilegiert aufwachse. Niemand hat mich je gefragt, wie es mir geht, weil ich gute Noten hatte und keine Probleme gemacht habe. Ich nehme es meinen Eltern übel, dass sie mich nie gesehen haben. Sie wollten nur sehen, dass es mir gut geht, und haben alle gegenteiligen Anzeichen ignoriert. Es gibt viele Punkte, an denen alles anders hätte laufen können. Meine Eltern hätten mir zuhören können. Sie hätten Sex nicht so tabuisieren können, wie sie es getan haben. Sie hätten die Möglichkeit zulassen können, dass ihren Kindern etwas geschieht. Sie hätten mich auch in Therapie schicken können, nachdem ich Anzeichen psychischer Krankheit gezeigt habe, aber das wollten sie nicht einmal wahrhaben, als ich kurz vorm Suizid stand.

Das Traurige ist, dass für mich das Schlimme erst angefangen hat, als ich ausziehen und studieren durfte. Da kamen die Symptome und wurden immer schlimmer. Ich habe die Vergangenheit viel weniger schlimm erlebt als das, was jetzt stattfindet. Zum Glück haben mehrere Monate Krankenhausaufenthalt die Suizidalität deutlich verringert. Manchmal habe ich das Gefühl, dass diese krassen Symptome völlig lächerlich sind. Es wäre viel einfacher, wenn ich einen logischen Zusammenhang erkennen könnte. Wenn ich sagen könnte, dieser erwachsene Mann hat etwas Schlimmes gemacht, und ich will ihn nicht mehr sehen. Leider lässt sich meine Geschichte nicht so leicht einordnen, und genau deshalb möchte ich sie teilen.