Ich war damals zehn Jahre alt und alles ist seit Jahren präsent in meinem Kopf. In den 1960er-Jahren bin ich in einen Sportverein eingetreten. Da waren zwei Trainer auf dem Fußballplatz. Einer der beiden wandte sich häufig mir zu. Ball annehmen, stoppen, zurückspielen. Irgendwann fragte er mich zum Ende eines Trainings, ob ich mal Autofahren wollte. Ich sagte ihm, dass ich das nicht kann. Er wiederum sagte, dass ich nur lenken bräuchte, das andere mache er dann. Ich sagte zu, auch in der Befürchtung, vom Fußballtraining ausgeschlossen zu werden, wenn ich das nicht mitmachte.

Es war schon dunkel. Zuerst setzte ich mich auf den Beifahrersitz und er fuhr los in den Wald. Ein paar Nebenstraßen weiter hielt er an und sagte, dass ich jetzt auf seinen Schoß kommen kann, um zu lenken. Er würde dann alles andere machen. Ich setzte mich auf seinen Schoß und er fuhr erst mal los. Dann sagte er, dass ich jetzt lenken kann. Ich nahm das Lenkrad in die Hand und lenkte. Er ließ seine Hände zwischen meine Beine gleiten. Zuerst dachte ich, wo soll er denn sonst mit seinen Händen hin, wenn er nicht selber lenkt. Zu diesem Zeitpunkt war mir das allerdings schon unangenehm. Wie bereits gesagt, er war für mich eine Vertrauensperson. Irgendwann sollte ich wieder auf den Beifahrersitz und er fuhr zurück zum Sportplatz. Ich fuhr dann mit meinem Fahrrad im Dunkeln nach Hause.

Am nächsten Trainingstag das gleiche Spiel. Ball zuspielen, Ball annehmen, zurückspielen. Und wiederum fragte er mich, ob ich noch mal Autofahren wollte. Wiederum sagte ich zu, mit der Befürchtung, sonst vom Training ausgeschlossen zu werden. Wieder fuhr er los, sagte mir dann irgendwann, dass ich jetzt auf seinen Schoß kommen könnte, um zu lenken. Wieder fuhren seine Hände zwischen meine Beine, während ich lenkte, im Dunkeln. Wenn Gegenverkehr kam, übernahm er kurzfristig das Lenkrad, war der Gegenverkehr weg, durfte ich wieder lenken.


Bei mir war das Ritzen die rote Asche in meinen Oberschenkeln.

Er bog in einen Feldweg ein, im Dunkeln, machte den Motor aus, ich sollte wieder auf den Beifahrersitz, er zog seine Hose runter, ich sollte meine Hose runterziehen, meinen Pimmel in die Hand nehmen und bewegen. Er hat es mir vorgemacht, wie das geht. Ich habe das gemacht, wusste aber nicht, was das sollte und fragte ihn dann auch. Er gab mir keine Antwort, worauf ich ihm sagte, dass ich jetzt nach Hause wollte. Mein Fahrrad war noch auf dem Sportplatz. Und jetzt hatte ich Angst, einfach nur Angst, nicht mehr nach Hause zu kommen.

Meine Mutter fragte mich Tage später, als mal wieder Trainingstag war, warum ich nicht mehr zum Fußballtraining fahren würde. Ich konnte nicht antworten, weil ich eine Sprachblockade hatte. Ich sprach eigentlich gar nicht mehr, auch nicht in der Schule, und das mehr oder weniger über die ganze Schulzeit.

Meine Mutter wusste, dass ich anfangs gerne zum Fußballtraining fuhr, deshalb fragte sie mich immer und immer wieder, warum ich nicht mehr zum Training wollte. Ihr war wohl aufgefallen, dass mit mir was nicht stimmte, nahm mich jeden Tag mit in ein Zimmer und fragte mich, was ich denn hätte. Und dann stotterte ich, weil ich das ständige Fragen meiner Mutter nicht mehr ertragen konnte: „Tut der Papa mir auch nichts?“ „Nein, er tut dir nichts“, war die Antwort meiner Mutter. Und dann erzählte ich ihr, was dieser Mann mit mir gemacht hat.

Es vergingen Tage und ich schwieg weiter. Jetzt hatte ich erst mal Ruhe vor den ewigen Fragen meiner Mutter. Sie hat mir erst mal nicht mehr erlaubt, zum Training zu gehen. Dann sagte meine Mutter eines Tages, dass sie den Jugendobmann, das war der zweite Trainer auf dem Platz, der den Täter ja kannte, darüber informiert hat und beide Trainer zu einer Aussprache zu uns nach Hause zitiert hat.

Es kam der Tag. Ich sehe noch beide Trainer unsere Treppe hinaufkommen. Mein Vater, meine Mutter, der Jugendobmann und der Trainer verschwanden in unserem Wohnzimmer. Ich sollte draußen bleiben. Was alle nicht wussten: Ich lauschte vor der Wohnzimmertür und bekam mit, wie er versuchte, sich zu verteidigen, indem er meine Eltern fragte, ob ich vielleicht behindert wäre, so etwas zu behaupten und dass ich eine krankhafte Fantasie hätte und ich behandelt werden müsste.

Meine Mutter aber glaubte mir und drohte ihm, dass sie die Polizei informieren würde, wenn er es noch einmal wagen würde ihren Sohn anzufassen. Das erzählte mir meine Mutter auch, nachdem das Gespräch beendet war. Sie sagte mir, ich könnte jetzt wieder zum Fußballtraining fahren und dass er mich jetzt in Ruhe lassen würde. Endlich konnte ich wieder Fußballspielen. Er war nicht mehr da.

Sie kennen das Ritzen bei Traumatisierten. Bei mir war das Ritzen die rote Asche in meinen Oberschenkeln. Der Fußballplatz hatte früher einen roten Aschebelag. Nach Monaten des Trainings war er auf einmal wieder da und grinste mich nur an. Hätte er mich auch nur einmal angefasst, ich hätte ihn auf der Stelle erschlagen, wenn ich die Kraft dazu gehabt hätte. Aber er war größer und stärker als ich.

Er trainierte tatsächlich wieder andere Kinder, aber mit größtem Abstand zu mir. Kam er in meine Nähe, wurde mir übel. Die einzige Möglichkeit ihm zu schaden, war der Zweikampf bei Trainingsspielen. Kam er in meine Nähe, versuchte ich ihn mit Reingrätschen in seine Beine umzusäbeln, ihm Schaden zuzufügen. Dabei fraß sich die rote Asche immer wieder in meine Oberschenkel. Es machte mir nichts aus. Nur die ständige Rennerei zum Hautarzt nervte mich und das eitrige Kleben meiner Jeans an meinen Oberschenkeln, wenn ich sie abends ausziehen musste. Irgendwann war er nicht mehr da und ich wurde jugendlicher und gefürchtet und immer auf Abwehr aus.

Ich habe ca. 20 Jahre gebraucht, um das absolut zu verdrängen. Meine Lebensqualität war in dieser Zeit keine, die Schulzeit war für mich eine Folter. Eine Lehrerin wollte mir mal damals vor den Augen meiner Mitschüler das Sprechen beibringen. Ich sollte eine Stelle aus einem Buch vorlesen. Und sie wartete und wartete und wartete, und ich konnte nicht sprechen. Sie aber wartete weiter, bis ich anfing zu „sprechen“.

Der Jugendobmann, von dem ich da oben berichtet habe, war ein sehr guter Trainer, er hat sich Jahre später nur einmal erlaubt, mir in einem Jugendlager zwischen die Beine zu gehen. Ich habe ihn blutig geschlagen.