Die Geschichten auf diesem Portal enthalten Schilderungen, die verstörend wirken können. Einige Worte oder Beschreibungen können negative Erinnerungen und unangenehme Gefühle auslösen. Falls Sie das Bedürfnis haben, mit jemanden darüber zu sprechen, nutzen Sie bitte die Angebote zur Beratung & Hilfe.
Meine Eltern trennten sich, als ich circa anderthalb Jahre alt war. Meine Mutter verletzten die Umstände und das Verhalten meines Vaters sehr. Die Trennung stürzte meine Mutter in finanzielle Nöte und sie sah sich gezwungen, mich viele Stunden in Fremdbetreuung zu geben. Sie arbeitete im öffentlichen Dienst. Dort lernte sie ihren zweiten Partner kennen. Aus heutiger Sicht denke ich, dass meine Mutter spätestens zu diesem Zeitpunkt ihre Herzensverbindung zu mir verloren hat.
Ich erinnere mich noch sehr gut an die erste Begegnung mit diesem Menschen. Sein Anblick befremdete mich. Er sah nicht aus wie die anderen Männer, mit denen wir im Bekanntenkreis zu tun hatten. Zudem war er 20 Jahre älter als meine Mutter. Meine Mutter schien sich nach einem Partner zu verzehren, der sie endlich von all dem erlittenen Schmerz der Vergangenheit befreien sollte. Bis zu diesem Zeitpunkt wuchs ich mit einem sehr negativen Bild über meinen Vater auf, der ausländischer Abstammung ist. Dieses Bild prägte auch mein Bild von mir selbst. Mit der Beziehungsaufnahme zum Täter wandelte sich mein soziales Umfeld um 180 Grad. Meine Mutter bewegte sich zuvor in einem kreativen Umfeld, war selbst musikalisch unterwegs. Wir hatten viele Bekannte aus der ausländischen und deutschen Community.
Mit der neuen Beziehung schien meine Mutter eine andere Persönlichkeit anzunehmen. Schnell stellte sie den neuen Mann in den Mittelpunkt und verwarf fast alle unsere alten Lebensweisen. Ich war sieben, als er mir das erste Mal die Zunge in den Mund steckte. Ich kann mich noch gut daran erinnern. Er stand mit mir auf dem Arm im Flur der Wohnung, die ich zuvor als mein Zuhause betrachtete. An die Zeit danach kann ich mich nicht mehr gut erinnern. Wir zogen in eine größere Wohnung um und mein Bruder kam auf die Welt. Ich liebte meinen Bruder über alles.
Die Übergriffe nahmen zu. Ich weiß, dass ich elf war, als ich meiner Mutter nach einem Vergewaltigungsversuch davon erzählte. Ihren Blick werde ich niemals vergessen. An meinem zwölften Geburtstag nach der Offenbarung fand ich einen leeren Geburtstagstisch vor. Das war der Tag, an dem mein Herz brach. An diesem Tag beschloss ich, mein „Ich“ in mir selbst zu verschließen. Danach begann auch die Gewalt in physischer und vor allem in psychischer Form. Er und meine Mutter demütigten und beschämten mich, und die sexuelle Gewalt nahm andere Formen an. Zum Beispiel stand er manchmal nachts vor meiner angelehnten Tür und beobachtete mich. Ich wusste nie, ob er nur dort stehen wollte oder mein Zimmer betreten wollte. Bis heute kann ich keine angelehnten Türen aushalten.
„Meine Mutter verletzte mich zusätzlich bis in die Tiefen meiner Seele.“
Als ich 16 Jahre alt war, vertraute ich mich meinem damaligen Freund an. Seine Mutter arbeitete bei Jugendamt und half mir, mich von zu Hause zu befreien. Wie ich den Abschluss meiner Schule hinbekommen habe, weiß ich bis heute nicht. Ich erinnere mich an eine Frau vom Jugendamt, die mich wunderbar unterstützte und vor der der Täter in Gegenwart meiner Mutter seine Taten zugab und mich gleichzeitig beschimpfte. Er sagte, ich hätte es ja so gewollt. Die Frau vom Jugendamt riet mir damals davon ab, den Mann anzuzeigen, denn ich sei „schon“ 16 und das Verfahren unmenschlich.
Meine Mutter trennte sich offiziell von ihm, aber bis heute glaube ich, dass sie es lange Zeit nicht tat. Eine der schlimmsten Erfahrungen ist für mich die Wut und der Hass, den mein Bruder mir entgegengebracht hat. Sein Leben verlief danach in einer komplett anderen Richtung als meines. Ich wohnte eine Zeitlang in einer betreuten WG. Dort wurde ich aber als „sozial nicht tragbar“ abgestempelt und zog zurück zu meiner Mutter. Einer der tragischsten Fehler überhaupt. Der Täter kam immer wieder zu uns nach Hause. Die sexuelle Gewalt fand nicht mehr statt, dafür nahm die psychische Gewalt um ein Vielfaches zu. Meine Mutter schütze mich auch weiterhin nicht. Die Verwandtschaft äußerte sich so, dass sie von den Übergriffen wussten oder es geahnt haben wollten. Die Frauen berichteten ebenfalls von mehreren Übergriffen, so auch die Nichte des Täters.
Die Beziehung zu meiner Mutter ist heute zerrüttet. Immer wieder brach sie den Kontakt zu mir über teils mehrere Jahre ab, um ihn dann reuevoll wieder aufzunehmen. Meine Mutter verletzte mich zusätzlich bis in die tiefsten Tiefen meiner Seele. Niemals stand sie hinter mir, im Gegenteil: sie stellte sich stets hinter die Erwachsenen oder außenstehenden Menschen. Seit zwei Jahren haben wir final keinen Kontakt mehr, meine Mutter brach ihn mal wieder ab. Mit therapeutischer Unterstützung konnte ich schließlich selbstwirksam eine Position dazu einnehmen. Solange ich lebe, werde ich keinen Kontakt mehr zu ihr aufnehmen wollen. Auch zu meinen Verwandten und meinem Bruder habe ich keinen Kontakt mehr. Ich fühle Schmerz und vor allem absolute Erleichterung zugleich über den Kontaktabbruch zu diesem alten Familiensystem. Ein Leerraum der schmerzt, aber nicht der Verlust dieser Menschen.
Ich habe heute zwei Kinder und viele Jahre Therapie hinter mir. Meine Seele sehnt sich nach Ruhe und Leichtigkeit. Die Trauer über den Tiefgang der Verletzungen ist mir erst im letzten Jahr so richtig bewusst geworden. Diese zehn Jahre Schwärze, wie ich sie nenne, haben mich nachhaltig geprägt. Heute trauere ich um all die Dinge, Momente und Chancen, die ich aufgrund meiner Erfahrung nie machen konnte und wahrscheinlich auch niemals machen werde. Aber heute kämpfe ich auch gegen destruktive Muster für meine Kinder, für andere Kinder und Menschen, die keine Lobby haben. Dieser Bericht ist ein erster Schritt, in dem ich von mir spreche. Und ich möchte weitere gehen. Die Scham muss die Seite wechseln.