Die Geschichten auf diesem Portal enthalten Schilderungen, die verstörend wirken können. Einige Worte oder Beschreibungen können negative Erinnerungen und unangenehme Gefühle auslösen. Falls Sie das Bedürfnis haben, mit jemanden darüber zu sprechen, nutzen Sie bitte die Angebote zur Beratung & Hilfe.
Ich war zwischen zehn und zwölf Jahre alt, als ich das erlebte, was im Gesetzestext unter schwerem sexuellen Missbrauch zu verstehen ist. Man könnte auch einfach Vergewaltigung sagen. Aber das ist offensichtlich erwachsenen weiblichen Personen vorbehalten.
Beim Flaschendrehen in der Schule begann ich zu lügen, wenn die anderen fragten, ob ich noch Jungfrau sei. Jungfrau – was für ein dummes Wort. Obwohl ich niemals explizit gesehen habe, dass meine größere Schwester auch vergewaltigt wurde, wusste ich es doch. Denn ich sah so oft, wie er ihre Unterhosen auswusch. So wie meine. Und wahrscheinlich duschte er sie auch ab, danach. Das Duschen war für mich die weitaus größte Herausforderung, denn anders als während der Taten selbst gelang es mir spätestens dann nicht mehr, weiterhin über meinem Körper zu schweben. Dissoziation. Aber mit der Dusche war alles vorbei. Dann kam das Wasser, das mich zurückholte ins Leben und in den Schmerz.
Einmal kam ich nach einem solchen Erlebnis gar nicht mehr drum herum, zu kotzen. Ich weiß, das nennt man anders. Aber es war ein einziges Kotzen. Die Tatperson kochte Kamillentee. Den konnte ich auch lange nicht mehr trinken. An diesem Abend schmerzte mein Unterleib. Ich hatte Sorge, schwanger zu sein, und kam ins Krankenhaus. Nie waren Ärzte so nah dran und gleichzeitig so weit weg. Bei der Untersuchung wurde mein Bauch abgetastet. Und während ich Angst hatte, dass der Arzt nachschaute, hegte ich ebenfalls die Hoffnung, dass er es tat. Verrückt, oder?
Und dann ging es wieder nach Hause. Aber es fühlte sich nicht so an, denn meine Eltern waren geschieden und ich fühlte mich sehr zerrissen. Außerdem plagte mich dieses schreckliche Gewissen, die Sorge, dass meine Stiefmutter mich hassen würde, wenn sie herausfände, was da war. Mich plagte die Sorge um meine Mutter, die ja doch schon das ganze Leben lang so gelitten hatte. Ich blieb still. Abend für Abend weinte ich unter meiner Bettdecke. Im heimlichen Existieren war ich Weltmeisterin.
Betroffene haben ihre eigene Symbolsprache, und wenn es dem Umfeld gelingt, diesen Code zu dechiffrieren, dann kann sich auch ein Wandel einstellen.
Mit der Zeit ließen die Übergriffe nach und damit schwanden auch die nächsten Morgen, an denen ich pro forma gefragt wurde, ob „alles ok“ sei. Auf diese seltsame Art und Weise drückte er wohl eine Art schlechtes Gewissen aus. „Alles ok?“ – „Ja, aber das nervt“, lautete meine standardisierte Antwort. Ich mag diesen Satz nicht, auch wenn ich ihn selbst manchmal sage. Das sind Aussagen, die Tatpersonen nutzen, um von der natürlichen Loyalität, die jeder Familie innewohnt, zu profitieren. Im negativen Sinne.
Ich habe auf meinem eigenen Weg sehr viel Hilfe erfahren. Eine Frau gab es in meinem Leben, die genau das Richtige zur richtigen Zeit tat. Als sie mitbekam, was ich erlebt hatte, schaute sie mich an und sagte: „Du ziehst bei mir ein.“ Meine Mutter willigte intuitiv ein, und ich lebte ab meinem 14. Lebensjahr für sechs Monate dort. Jeden Abend setzte sich diese Frau mit mir an den Tisch und arbeitete mit mir an meiner Fähigkeit, mich mitzuteilen. Daran, die dicke Wand, die sich zwischen meiner Innenwelt und der Außenwelt gebildet hatte, etwas abzutragen.
Als erwachsene Frau und Mutter ging zu Beginn der Coronazeit die Frage in mir um: „Wie kann da Hilfe geschehen?“ Das Erste, was mir einfiel, war, einen Arbeitskreis zu organisieren. Dieser bestand aus Betroffenen, Angehörigen, Pädagogen und Therapeuten. Gemeinsam überlegten wir uns einerseits, wie betroffene Kinder sich mitteilen können, und andererseits haben wir Informationen gestreut. Damit Menschen, die Vorfälle beobachten oder sich Sorgen machen, auch wissen, wo sie sich hinwenden können. Inzwischen gebe ich mein Wissen weiter. Betroffene haben ihre eigene Symbolsprache, und wenn es dem Umfeld gelingt, diesen Code zu dechiffrieren, dann kann sich auch ein Wandel einstellen.
Auf meinem Weg habe ich mich viel mit anderen Betroffenen ausgetauscht. Wenn ich eines sagen kann, dann ist es das: Die Folgen sind so vielfältig und massiv. Man sagt ja, viele Wege führen nach Rom. Was wir tun müssen, ist also loslaufen.