Die Geschichten auf diesem Portal enthalten Schilderungen, die verstörend wirken können. Einige Worte oder Beschreibungen können negative Erinnerungen und unangenehme Gefühle auslösen. Falls Sie das Bedürfnis haben, mit jemanden darüber zu sprechen, nutzen Sie bitte die Angebote zur Beratung & Hilfe.
Ich begleite Fahrten mit Kindern und Jugendlichen und habe in diesem Zusammenhang an einer Präventionsschulung teilgenommen. Dabei ist mir diese Geschichte hochgekommen, an die ich jahrzehntelang nicht mehr gedacht hatte. Gleich einem eitrigen Abzess, der im Inneren des Körpers verkapselt war und plötzlich aufbricht.
Ich war oft bei meinen Großeltern auf dem Land. In der Nähe der Großeltern lebte die Schwester meines Großvaters mit ihrem Mann. Sie hatten ein großes Schwimmbad im Garten, in dem wir im Sommer fast täglich schwimmen waren. Beide kamen regelmäßig zu uns zu Besuch. Ich war vier Jahre alt. Da spielte sich dann immer wieder folgendes Szenario ab:
Der Großonkel nahm im Wohnzimmer in einem großen Ledersessel Platz und ich musste mich dann auf seinen Schoß setzen. Ich weiß, dass ich immer Strumpfhosen und einen Rock trug. Ich weiß auch, dass es mir zuwider war, ich den Geruch seines Rasierwassers gehasst habe und mir das Sitzen bei ihm ewig vorkam. Ich erinnere mich sehr genau an die Szene, schemenhaft, dass er meine Beine gestreichelt hat und sicher, dass ich ihn zum Abschied auf die Wange küssen musste, er dann seinen Geldbeutel hervorholte und mir einen, für ein Kind unfassbar großen, Geldschein geschenkt hat.
„Während ich das schreibe, habe ich seinen unangenehmen Geruch in der Nase.“
Wenn ich das heute lese, kommt mir das wie eine Bezahlung für Prostitution vor. Damals weiß ich nur, dass ich zu meiner Oma, die ich sehr geliebt habe, klar gesagt habe: Ich will das nicht! Sowohl von Oma als auch von meiner Großtante wurde das nicht akzeptiert, das sei alles harmlos, ich könne doch dem lieben Großonkel diese Freude machen. Was hätte ich damals für Möglichkeiten gehabt? War ich auch in anderen Situationen schutzlos, hat mich das zum leichten Opfer gemacht, auch im späteren Leben? Was ist mit den Nachkommen des Großonkels? Wir haben bald ein großes Familienfest, soll ich mich jemals offenbaren? Diese Fragen haben sich jetzt erst, nach weit über 50 Jahren bei mir aufgetan. Ich habe darauf (noch) keine Antworten, aber es war mir wichtig, das jetzt niederzuschreiben – nach so vielen Jahren.