Die Geschichten auf diesem Portal enthalten Schilderungen, die verstörend wirken können. Einige Worte oder Beschreibungen können negative Erinnerungen und unangenehme Gefühle auslösen. Falls Sie das Bedürfnis haben, mit jemanden darüber zu sprechen, nutzen Sie bitte die Angebote zur Beratung & Hilfe.
Ich fuhr mit einer Person aus unserer NGO-Gruppe zum Sommerfest in eine andere Stadt. Damals war ich ungefähr 15 oder 16 Jahre alt. Wir übernachteten im Schlafsaal für Mädchen mit Isomatte und Schlafsack. Zu Beginn des Abends wurden wir vor einer männlichen Person gewarnt, die sich immer wieder über ein NEIN von Frauen* hinwegsetze.
Am Cocktailstand wurde ich von ihm angesprochen. Ich lehnte direkt ab, mit ihm zu feiern. Ich erwähnte dabei, dass ich bereits vor ihm gewarnt worden sei und daher nicht mit ihm sprechen wolle. Er ging darüber hinweg und wollte mir einen Drink ausgeben. Das lehnte ich ab. Meine Freundin und ich kauften uns die Getränke selbst und gingen auf die Tanzfläche. Er folgte uns. Wirklich los wurden wir ihn nicht mehr. Wir gingen dann früher schlafen als geplant.
Als ich neben meiner Freundin im großen Raum lag, der als Schlafsaal für weibliche Menschen diente, kam der Täter dazu und sprach mich an. Ich stellte mich schlafend. Er blieb hartnäckig. Mir war unangenehm, dass er relativ laut weiter auf mich einredete. Einerseits wollte ich nicht, dass Menschen beim Schlafen gestört wurden. Andererseits waren mir seine Worte gegenüber meiner Freundin peinlich. Ich bat ihn, still zu sein und bot im Gegenzug an, mit ihm raus zu kommen. Mir war es peinlich, mit ihm gesehen zu werden. Es gelang ihm, mich von den restlichen Feiernden abzusondern. Unter einer Brücke nicht weit von den Lager-Gebäuden entfernt, zog er mein Kleid hoch und drückte meine Hand auf sein Glied. Ich wehrte mich und sagte NEIN. Er versuchte dennoch, mich vaginal zu penetrieren. Im Stehen. Das gelang ihm nicht. Er sagte u.a. „Zier dich nicht so – du willst es doch auch“ und als er merkte, wie eng ich vaginal war, dass ihn das besonders antörne. Er fragte auch, ob ich etwa noch Jungfrau sei. Ab einem gewissen Zeitpunkt ließ ich seine Handlungen über mich ergehen. Ich hoffte, dass es schnell vorbei ginge. Ich hatte große Schmerzen, schämte mich und machte mir Vorwürfe, dass ich mitgegangen war. Ich wünschte mir, zu anderen Menschen zurückgehen zu können, auch wenn ich mir dreckig und benutzt vorkam und nicht wusste, wie ich den anderen in die Augen sehen könne, nachdem ich dabei beobachtet worden war, wie ich mit ihm wegging. Zumal er ja bereits bei manchen einen schlechten Ruf hatte. Ich hatte auch ein bisschen Angst, wie ich überhaupt wieder von ihm weg und zurück ins Gebäude käme.
Ich wünsche mir, dass wir hinschauen und Betroffene ernst nehmen.
Am nächsten Tag fuhren meine Freundin und ich zurück in die Stadt, wo unsere Gruppe war. Er folgte uns bis zum Bahnhof und stand vorm Abteilfenster. Er wollte unbedingt meine Telefonnummer. Ich nehme an, dass meine Freundin davon ausging, dass ich von ihm angeflirtet werde und dass das für mich ok sei. Ich hatte ihr nichts erzählt und wollte es nach Möglichkeit dabei belassen, dass sie nicht Bescheid wusste. Schließlich gab ich ihm meine Handynummer. Er schrieb viele SMS und rief immer wieder an. Vor allem kontrollierte er, ob ich dichthielt. Dabei stellte er das, was zwischen uns geschehen war, als Flirt dar. Er machte auch deutlich, dass er mich gern wiedersehen würde, u.a. um Geschlechtsverkehr mit mir zu haben. Damals wohnte ich gemeinsam mit meiner Mutter. Einmal kam sie nach der Arbeit nach Hause und ich saß neben einer Steckdose in der Küche auf dem Fußboden, weil er bereits so lange mit mir telefonierte, dass mein Handyakku leer war. Sie meinte, ich solle auflegen. Sie wusste allerdings nicht, mit wem ich sprach. Allein hätte ich es nicht geschafft, das Gespräch zu beenden. Irgendwann war ich so weit, auf seine SMS und Anrufe nicht mehr zu reagieren. Allerdings nutzte er auch andere Nummern und ließ sich zurückrufen. Der Täter war mindestens fünf Jahre älter als ich, in meiner Erinnerung waren es eher sieben.
Schließlich schrieb ich der Organisation in einer E-Mail, was geschehen war. Daraufhin geschah nichts. Nach ein paar Wochen habe ich denselben Text als Brief in den Briefkasten im Gebäude einwerfen lassen. Dieser erreichte die Zuständigen und es gab ein Telefonat. Meine Fragen, Anregungen etc. blieben weitestgehend unbearbeitet. Es gab keine Untersuchung. Mir wurde geraten, den sexuellen Missbrauch bei der Polizei anzuzeigen. Als ich das nicht wollte, wurde ich gebeten, den Täter zu benennen, sodass die Institution ihn anzeigen könnte. Das löste bei mir Angst und Sorge aus, ich fühlte mich unter Druck gesetzt. Unterstützung oder psychologische Hilfe wurden nicht angeboten. Meine Bitte um finanzielle Unterstützung für Psychotherapie wurde abgeblockt. Beratungsstellen wurden mir auch nicht empfohlen. Ich hatte den Eindruck, dass die Zuständigen überfordert waren.
Seit ein paar Jahren befinde ich mich in Psychotherapie und habe angefangen, mich mit der hier berichteten Erfahrung auseinanderzusetzen. Mir geht es vor allem darum, dass andere rückblickend oder aktuell sich an die NGO wenden können. Dafür sind eine gute Auffindbarkeit der Struktur, eine Weiterbildung des Personals und vor allem eine klare Zuständigkeit inklusive standardisierter Abläufe bei Verdacht in der Institution erforderlich. Ich wünsche mir, dass wir hinschauen und Betroffene ernst nehmen. Kinder- und Jugendschutz sollte nicht nur formal erfüllt werden, sondern als verantwortliche Aufgabe gesehen werden.