Als Kind und Jugendliche war ich immer ziemlich rebellisch, habe Quatsch gemacht, aber auch Autoritäten infrage gestellt. Selbst der Pastor hat mich aus dem Konfirmandenunterricht rausgeschmissen und ich bin dann in die Nachbargemeinde gegangen.

Dort gab es gerade einen neuen Pastor, der mich total nett begrüßte, als ich ihm von dem Rausschmiss erzählte, und mir gleich vorschlug, mit auf eine Konfirmandenfahrt zu fahren. Drei Wochen ins Ausland. Das war eine ganz neue Welt für mich mit der Gruppe, alle waren nett zueinander. Im Gegensatz dazu ging es mir zu Hause richtig dreckig: Ich war auf dem Dorf die Einzige, deren Eltern geschieden waren. Meine Mutter war psychisch krank und ihr Freund Alkoholiker, der hatte auch bei uns gewohnt mehrere Jahre.

Nach der Konfirmation bildete sich dann eine Jugendgruppe rund um den Pastor. Dort fingen die ersten Grenzüberschreitungen an - über Vertrauensspiele, in den Arm nehmen, und so. Und das war auch diese Zeit, wo man ja locker sein musste. Der Pastor hat sich immer sehr progressiv und links gegeben. Es war die Zeit der Friedensbewegung und er brachte diese Themen aufs Dorf. Ich habe den angebetet. Der war für mich Gott und Vater und Jesus und mein wichtigster Lehrer, alles in einer Person. Als ich 15 war, hat er mich in der Druckerei der Gemeinde, das war sehr isoliert, da hat er mich ganz eng umarmt und mir gesagt: „Ich liebe dich.“ Und ich habe das verstanden, als liebte er mich wie ein Vater. Obwohl es auch komisch war, dass er mich dabei so eng umarmte. Mittlerweile weiß ich, dass er sich so noch mindestens drei anderen gegenüber verhalten hat.

Ab 15, 16 war ich dann als Betreuerin auf den Konfirmandenfahrten dabei. Auf einer der Fahrten fing er an, mich zu küssen – mitten auf einem Matratzenlager, die anderen schliefen da alle auf ihren Isomatten. Ich war sehr verwirrt, aber ich dachte nur, endlich liebt mich mal jemand. Ich dachte, das bleibt so ein einmaliges Ereignis, weil das doch nicht geht und er verheiratet war. Ich musste dann zu ihm ins Pfarrhaus kommen, wenn seine Frau arbeitete. Er hat erwartet, dass ich jede mögliche Minute mit ihm verbringe, und ich habe das auch gemacht. Ich habe ihn total angebetet. Ich war gleichzeitig kreuzunglücklich, weil mich das von meinen Freundinnen trennte und weil ich das alles geheim halten und seine Frau anlügen musste. Ich habe ganz oft bitterlich geweint.

Nach dem Abitur hab ich irgendwann gedacht, ich muss weg. Ich bin ins Ausland gegangen und habe mehrfach versucht, das alles zu beenden. Er ist mir hinterher gereist, hat alles versucht, dass ich bei ihm bleibe. Er hat mich emotional erpresst und angedeutet, dass er dann keinen Sinn mehr im Leben sehen würde. Schließlich bin ich von ihm schwanger geworden und hatte dann einen Abbruch. Im Studium habe ich es dann endlich geschafft, mich wirklich von ihm zu trennen. Mit 22.

Der Nachruf ist mittlerweile nicht mehr abrufbar, das habe ich erwirkt.

Jahre später hat mich aber alles noch einmal eingeholt. Ich bin viel körperlich krank gewesen, hatte eine schwere posttraumatische Belastungsstörung. Ich kann bis heute nur 60‒70% arbeiten. Auch die Beziehung zu meinem Mann litt unter den Folgen. In der Zeit habe ich mich an die verantwortliche Person in der Landeskirche Hannover gewendet. Ich hatte zum Thema gegoogelt, immer und immer wieder war ich auch auf den Kirchenseiten unterwegs. Aber das war alles nicht leicht zu finden. Auch mit der ehemaligen Pastorin, die mit dem Pastor gemeinsam für die Gemeinde zuständig war, habe ich mich getroffen. Das war auch die Erste, die mir erzählt hat, dass sie damals Mitte der 1980er, als der Pastor neu in die Gemeinde kam, gehört hatte, dass er in seiner alten Gemeinde seltsame Beziehungen zu jungen Frauen gehabt habe. Auch bei uns in der Gemeinde gab es später massive Gerüchte, vor allem nachdem seine Stelle nach zehn Jahren vom Kirchenvorstand nicht verlängert wurde. So wirklich hat aber niemand etwas gemacht, sodass es letztlich für den Täter keine Konsequenzen gab.

Schließlich habe ich auch diesen Antrag an die Kirche gestellt, an deren unabhängige Kommission. Dafür habe ich mehrere Wochen gebraucht, weil es so anstrengend war. Ich habe eine sehr hohe Entschädigungssumme von 35.000 Euro bekommen. Und andere kriegen gar nichts, das ist wirklich ein Unding, dass es so unterschiedliche Regelungen und Verfahren gibt. Die Summe ist hoch, und das finde ich richtig. Ich habe mir mal ausgerechnet, was ich an finanziellen Nachteilen durch diese ganze Geschichte habe – später Einstieg ins Berufsleben, jahrelang reduziert arbeiten, Therapiekosten. Das deckt die Summe nicht ab. Aber ich finde die Auszahlung trotzdem ein gutes Zeichen.

Dass ich heute mehr darüber weiß, was damals geschehen ist, liegt daran, dass ich mit meinen früheren Freundinnen darüber gesprochen habe – 25 Jahre später, endlich. So groß war das Tabu. Heute weiß ich, dass es vor mir Mädchen gab und ich weiß auch, wen er sich nach mir ausgesucht hat. Was mich besonders geärgert hat, war ein Nachruf auf den Pastor, der besagte, dass ihm das Werden von Jugendlichen in unserer immer komplexeren Welt besonders am Herzen lag. Das steht da in diesem Nachruf! Alles klar. Ich habe mich sehr geärgert, über Jahre.

Dann habe ich gedacht: Ja, aber die wissen es ja auch nicht! Also habe ich allen Pastorinnen und Pastoren der verschiedenen Kirchengemeinden, in denen er tätig war, geschrieben. Manche Antworten waren eher so mitleidiges pastorales Gerede. Aber einige haben sehr gut reagiert, vor allem die, die schon vorher ein schlechtes Gefühl hatten, wie sie mir dann mitteilten. Der Nachruf ist mittlerweile nicht mehr abrufbar, das habe ich erwirkt. Es gibt aber noch viele andere Baustellen, nur muss man ein herausragendes Durchhaltevermögen haben, immer und immer wieder nachhaken, sonst passiert gar nichts.

Im Zuge der ganzen Aufklärung ist mir klar geworden, dass ich mich das alles nur traue, weil ich der Kirche als Religionswissenschaftlerin auf ihrem eigenen Grund begegnen kann. Es ist irre, wie viel Macht diese Institution doch noch hat. Dessen scheint sich die evangelische Kirche nicht bewusst zu sein. Sie müsste noch sehr viel mehr tun, um die Hürden für Betroffene abzubauen, sodass ihnen unabhängig vom Bildungsgrad Aufarbeitung ermöglicht wird.