Die Geschichten auf diesem Portal enthalten Schilderungen, die verstörend wirken können. Einige Worte oder Beschreibungen können negative Erinnerungen und unangenehme Gefühle auslösen. Falls Sie das Bedürfnis haben, mit jemanden darüber zu sprechen, nutzen Sie bitte die Angebote zur Beratung & Hilfe.
Mein Name ist Aylin. Im Alter von neun Jahren wurde ich sexuell missbraucht. Ich erinnere mich daran, wo es war und wer es war. Es war in der Schule und er war mein Lehrer. Zu dem Zeitpunkt dürfte er Mitte 30 gewesen sein. Er war verheiratet und hatte zwei kleine Töchter. Eine davon in meinem Alter.
Ich bin mir nicht sicher, ob ich mich an alles erinnere oder ob da noch mehr war. Ich erinnere mich an sein Gesicht, seine Statur, seinen Geruch, seine Stimme. Ich erinnere mich an seine Worte. Ich erinnere mich an seine Blicke. Ich erinnere mich an seine Berührungen. Ich kann sie bis heute noch spüren. Und manchmal, wenn ich gewisse Dinge in den Medien sehe oder über manche Dinge spreche, dann tut es mir weh. Und in genau diesen Momenten frage ich mich, ob da nicht vielleicht doch noch mehr war. Ob mein Kopf mich schützen möchte und ich mich deshalb vielleicht nicht an alles erinnern kann. Ob es Zeugen gibt, weiß ich nicht. Ich weiß, dass einige Mitschüler teilweise ebenfalls im Klassenraum waren. Aber ob sie das mitbekommen haben, weiß ich nicht. Und selbst wenn, dann haben sie es wahrscheinlich ebenso wenig verstanden wie ich. Eigentlich hat alles ganz harmlos angefangen. Ich war damals eine Musterschülerin. Ich war gut erzogen, war höflich und bin nie aufgefallen. Ich habe mich am Unterricht beteiligt. Meine Noten waren sehr gut und ich hatte viele Freunde. Und obwohl ich eine unscheinbare, „perfekte“ Schülerin war, bin ich ihm aufgefallen. Vielleicht bin ich ihm ja gerade deswegen aufgefallen?
Anfangs hat er immer gesagt, was für eine gute Schülerin ich bin. Dass ich besser bin als die anderen. Ich mochte das Lob, das er mir aussprach. Es hat mir gefallen, dass er mich den anderen vorgezogen hat. Irgendwann fing es mit Berührungen an. Er hat sich immer von hinten zu mir gelehnt, um mir bei meinen Aufgaben zu „helfen“. So hat er sich jedes Mal ein kleines bisschen näher an mich geschmiegt. Irgendwann ging es so weit, dass er seine Hand auf meinen Oberschenkel gelegt hat, ihn gestreichelt hat. Ich habe damals sehr gerne Kleider getragen. Diese Entscheidung wurde mir zum Verhängnis. Immer wieder bat er mich, nach dem Unterricht noch kurz dazubleiben. Ich habe von meinen Eltern gelernt, Respekt vor Erwachsenen zu haben und ihnen nicht zu widersprechen. Deswegen habe ich immer das getan, was er von mir verlangt hat. Als wir allein waren, hat er mir zwischen die Beine gefasst. Er hat mich berührt und „gestreichelt“. Manchmal ist er weiter gegangen. Beim letzten Übergriff erzählte ich, dass meine Mutter auf mich warten würde, habe meine Schulsachen gepackt und bin so schnell ich nur konnte geflüchtet.
Eines Tages werde ich stolz sagen können, dass ich stark genug bin. Es wird ein weiter Weg sein, doch es wird sich lohnen.
Ich bin nach diesem Tag nie wieder zu ihm in den Unterricht gegangen. Die Angst, dass ich Ärger bekommen könnte, war mir egal. Ich konnte ihn nicht mehr anschauen. Ich wusste, dass ich das niemandem erzählen kann. Zu groß war die Angst, dass es nichts Schlimmes ist oder ich daran „schuld“ sein könnte. Zu groß war die Scham. Ich konnte mit meinem damaligen Wissensstand nie genau sagen, was falsch an dieser Situation war. Der Schule habe ich das nie erzählt. Bis heute habe ich geschwiegen. Nur ein paar ausgewählte Personen wissen davon. Und mit einigen von diesen Personen habe ich keinen Kontakt mehr. Mit meinem Partner habe ich darüber gesprochen, habe das Wort „Missbrauch“ aber nie laut ausgesprochen. Nicht im Zusammenhang mit mir. Ich habe ihm auch nie detailliert erzählt, was damals passiert ist. Ich habe es nur angedeutet. Meine Familie weiß bis heute nichts davon. Sie wissen nicht, dass ich missbraucht wurde. Zu groß ist die Angst vor den Reaktionen. In unserer Familie reden wir nicht über unsere Gefühle. Auch Dinge wie Sex sind bis heute ein Tabuthema. Ich habe auch Angst, dass sie Mitleid mit mir haben. Dass sie das kaputte und verängstigte Mädchen sehen, das ich bin. Ich mag den Körperkontakt nicht mehr. Oft stoße ich sie von mir weg – sowohl physisch als auch psychisch. Und oft hat dieses Verhalten zu Problemen geführt.
Heute studiere ich – 300 Kilometer von meiner Heimatstadt entfernt. Auch wenn ich noch immer viele Schwierigkeiten im Alltag habe, weiß ich, dass ich es schaffen kann. Ich weiß, dass ich in meiner jetzigen Wohnung sicher bin und ich Leute habe, die mich beschützen. Es geht mir besser, ich fange an, das Geschehene zu verarbeiten. Doch jedes Mal, wenn ich meine Familie besuche, holt mich meine Vergangenheit wieder ein. Könnte ich die Zeit zurückdrehen, würde ich vieles anders machen. Ich würde es meinen Eltern erzählen und eine Anzeige erstatten. Damit das, was mir passiert ist, anderen nicht passiert. Ich würde viel früher eine Therapie machen. Eines Tages werde ich stolz sagen können, dass ich stark genug bin. Ich werde sagen können, dass ich es geschafft habe und mich nichts kaputt machen kann. Ich weiß, dass es ein weiter Weg ist, doch es wird sich lohnen.