Ich war zwölf Jahre jung.
Die Täterin war 20 Jahre alt.
Ich wusste überhaupt nicht, was mit mir geschah.

Ich war ein normaler Junge, der mit eigenen Herausforderungen zu kämpfen hatte. Meine Mutter trug zu großen Teilen alleine die Verantwortung für unsere Erziehung. Mein Vater kommt aus dem Ausland. Rückblickend wirkt er auf mich unsicher darüber, welchen Platz er im Familiensystem einnehmen sollte. Ich habe zwei jüngere Geschwister und eine ältere Schwester. In den Sommerferien fuhren wir jedes Jahr in das Heimatland meines Vaters. Die Familie besaß ein Haus am Strand. Die Zeit dort war immer das Highlight des Jahres. Mein Vater, er war Lehrer, fing früh an, ehemalige Schülerinnen, Schüler, Kolleginnen und Kollegen dorthin einzuladen. Ich war zehn Jahre alt, als ich zum ersten Mal bewusst etwas mit den jungen Erwachsenen zu tun hatte. Ich fand sie sehr cool.

Mir wurde auf eine schräge Art und Weise dafür auf die Schultern geklopft, dass sich diese erwachsene Frau für mich interessierte.

Als ich zwölf Jahre alt war, kamen uns dort unter anderem drei junge Frauen besuchen – ehemalige Schülerinnen meines Vaters. In ihren knappen Bikinis haben sie viel Aufsehen erregt. Sie blieben zwei Wochen. Eine der drei kam mir im Laufe der ersten Tage immer wieder sehr nah. Sie nahm mich mit ins Meer zum Schwimmen. Sie trug mich auf ihren Schultern. Sie spielte mit mir. Es fühlte sich schön und gut an. Dieses Annähern bekamen die Leute mit. Es wurde belächelt und mir wurde auf eine schräge Art und Weise dafür auf die Schultern geklopft, dass sich diese erwachsene Frau für mich interessierte.

Das Haus hatte eine große Dachterrasse. Wir schliefen damals alle gemeinsam auf dem Dach. Matratzen wurden kreuz und quer auf der Terrasse verteilt. Alle haben Alkohol getrunken. Wenn es ruhiger wurde, hat sich die Täterin heimlich zu mir gelegt. Durch die vorherigen Annäherungen habe ich sie einfach machen lassen. Sie fragte mich flüsternd, ob mir gefällt, wie sie mich anfasst. Ich wusste nicht, was mit mir geschah. Ich wollte auch zu den Älteren dazugehören. Deshalb dachte ich mir, das sei in Ordnung. Ihr Mund war viel zu groß für meinen. Ihre Brüste kamen mir riesig vor. Mein Penis muss sich in ihrer Hand winzig angefühlt haben. Ich habe 32 Jahre gebraucht, um zu verstehen, dass ich in diesen Nächten sexuell missbraucht wurde. Die Täterin gab mir das Gefühl, als hätten wir eine heimliche Beziehung. Sie hielt Kontakt zu mir und meiner Familie. Es gab noch eine anschließende Urlaubsreise im Herbst zusammen mit meiner fast 15-jährigen Schwester und deren jugendlichen Freundinnen und Freunden, und mit mir als Jüngstem. Die Täterin kam als erwachsene Betreuungsperson mit. Sie hat mich nach dieser Reise einfach fallen gelassen. Rückblickend war das, neben dem sexuellen Missbrauch, ein emotionaler Missbrauch, der ebenso alle meine folgenden Beziehungen beeinflusst hat.